
Minden (DVM). Zeitgenössische Kunst trifft auf einen mehr als 1200 Jahre alten Sakralraum: Mit der Ausstellung „Wilhelm Senoner – Skulptur · Raum · Spiritualität“ präsentiert der Dombau-Verein Minden (DVM) bis zum 4. Oktober Werke des Südtiroler Bildhauers, Zeichners und Malers Wilhelm Senoner im Mindener Dom. Rund ein Dutzend Skulpturen sowie Gemälde sind so im Kirchenraum platziert, dass sie mit der Architektur und den historischen Kunstwerken des Domes in einen unmittelbaren Dialog treten.
Der inzwischen 80-jährige Künstler aus St. Ulrich in Gröden ist mit Minden auf besondere Weise verbunden. Vor mehr als zwei Jahrzehnten schuf Senoner die Rekonstruktion der Goldenen Tafel, die heute wieder den Hochchor des Mindener Domes prägt. Das mittelalterliche Hochaltarretabel war zu Beginn des 18. Jahrhunderts aus dem Dom entfernt worden. Die erhaltenen Originalteile befinden sich heute im Bode-Museum in Berlin. Für die 2002 vollendete Rekonstruktion konnte Senoner auf historische Fotografien zurückgreifen. Fehlende Figuren und Partien ergänzte er im historischen Stil.
„Die Goldene Tafel hat Wilhelm Senoners Namen dauerhaft mit dem Mindener Dom verbunden. Mit dieser Ausstellung möchten wir aber ganz bewusst den Blick weiten und den freien Künstler mit seiner eigenen, unverwechselbaren Handschrift vorstellen“, sagt der Vorsitzende des Dombau-Vereins Minden, Hans-Jürgen Amtage.
Spuren der Arbeit bleiben sichtbar
Senoners künstlerischer Weg begann früh. Bereits mit 14 Jahren arbeitete er in einer Bildhauerei in Gröden, einem Zentrum der europäischen Holzbildhauerei. Er setzte sich intensiv mit der gotischen Holzschnitzerei und Künstlern wie Tilman Riemenschneider auseinander. Seit den 1990er-Jahren entwickelte Senoner zunehmend seine eigene Formensprache.
Charakteristisch für seine Skulpturen ist, dass der Entstehungsprozess sichtbar bleibt. Senoner arbeitet mit Kettensäge und Stechbeitel; Schnitte, Kerben und Bearbeitungsspuren werden nicht verborgen. Seine Figuren besitzen dadurch eine raue, bisweilen archaische Oberfläche. Zugleich entfalten sie eine große Ruhe und Konzentration.
Eine besondere Rolle spielt dabei das Licht. Senoner gestaltet seine Figuren so, dass einzelne Flächen im Licht liegen, während andere im Schatten bleiben. Gerade der Mindener Dom mit seinem durch die großen Fenster einfallenden natürlichen Licht bietet dafür einen außergewöhnlichen Raum.
„Senoners Kunst ist nicht laut. Gerade darin liegt ihre Kraft“, beschreibt Amtage die Wirkung. „Seine Figuren fordern dazu auf, stehen zu bleiben, genauer hinzusehen und sich auf das einzulassen, was zunächst vielleicht verborgen bleibt.“

Zwischen Stille, Nähe und Bewegung
Bereits in der Nähe des Portals empfängt die Besucher die goldene Figur „Die Erfahrung der Stille“. Ihre Platzierung ist bewusst gewählt: Sie korrespondiert mit der Goldenen Tafel im Osten des Hochchores und stellt damit eine Verbindung zwischen Senoners früherer Arbeit für den Dom und seinem freien künstlerischen Schaffen her.
Zu den weiteren ausgestellten Arbeiten gehört „Der Kuss“, ein Motiv, das Senoner sowohl plastisch als auch malerisch immer wieder aufgreift. Andere Werke beschäftigen sich unmittelbar mit biblischen Themen. „Jona auf dem Berg von Ninive“ zeigt den Propheten in einer reduzierten, konzentrierten Form. Eine Krippendarstellung beschränkt sich auf Maria, Josef und das Jesuskind und rückt die Familie in den Mittelpunkt.
Mit „Frau im Wind“ wiederum zeigt Senoner, wie Bewegung und Kontemplation zusammenfinden können. Der abstrahierte Körper scheint dem Wind ausgesetzt und bleibt dennoch in sich gesammelt.
Gerade diese unterschiedlichen Ausdrucksformen machen für den Dombau-Verein den Reiz der Präsentation aus. Die Arbeiten werden nicht in einem neutralen Museumsraum gezeigt. Romanische und gotische Architektur, jahrhundertealte Kunstwerke, Liturgie und zeitgenössische Kunst begegnen einander.
Eine Idee mit langer Vorgeschichte
Die Idee für eine Ausstellung Senoners in Minden ist nicht neu. Bereits vor rund 20 Jahren hatte der frühere Vorsitzende des Dombau-Vereins, der vor elf Jahren verstorbene Arnold Weigelt, angeregt, den Künstler nach seiner Arbeit an der Goldenen Tafel noch einmal mit seinem freien Werk nach Minden einzuladen.
Dass diese Idee nun im Jahr des 80-jährigen Bestehens des 1946 gegründeten Dombau-Vereins verwirklicht werden konnte, besitzt für den Verein eine besondere Bedeutung. „Wir verstehen unseren Auftrag nicht allein darin, das historische Erbe des Mindener Domes zu bewahren“, sagt Amtage. „Wir möchten den Dom zugleich als lebendigen Ort von Glauben, Geschichte, Kunst und Kultur erfahrbar machen. Zeitgenössische Kunst kann dabei neue Zugänge zu einem Kirchenraum eröffnen, den viele Menschen zu kennen glauben.“
Die Ausstellung lädt deshalb auch dazu ein, den Mindener Dom selbst mit anderen Augen wahrzunehmen. Senoners Figuren setzen Akzente, verändern Blickachsen und schaffen überraschende Beziehungen zu Architektur und Ausstattung.
„Wenn Menschen vor einer dieser Figuren innehalten und anschließend vielleicht auch ein vertrautes Kunstwerk des Domes neu betrachten, entsteht genau der Dialog, den wir uns wünschen“, sagt Amtage. „Dann begegnen sich Vergangenheit und Gegenwart – und der Dom wird als das erfahrbar, was er seit Jahrhunderten ist: ein lebendiger Raum.“
Die Ausstellung „Wilhelm Senoner – Skulptur · Raum · Spiritualität“ ist bis zum 4. Oktober 2026 täglich von 8 bis 18 Uhr im Mindener Dom zu sehen. Der Eintritt ist frei.