Schildescher Schrein kehrt in den Domschatz Minden zurück

Der Domschatz Minden beherbergt eine der bedeutendsten Sammlungen christlicher Kunst in Deutschland. Darunter der Schildescher Schrein aus dem 14. Jahrhundert, der jetzt im Foyer der Schatzkammer ausgestellt ist. Foto: DVM/Amtage
Der Domschatz Minden beherbergt eine der bedeutendsten Sammlungen christlicher Kunst in Deutschland. Darunter der Schildescher Schrein aus dem 14. Jahrhundert, der jetzt im Foyer der Schatzkammer ausgestellt ist. Foto: DVM/Amtage

Minden (DVM). Der Schildescher Schrein aus dem 14. Jahrhundert ist zurück im Domschatz Minden. Fast zwei Jahre war das christliche Kunstwerk aus Eichenholz ausgeliehen. 2018 zunächst an die große Gotik-Ausstellung in Paderborn, dann als vorübergehender Bestandteil der Dauerausstellung im Diözesanmuseum.

Vor wenigen Tagen zog der farbige Schrein in die neue Vitrine im Foyer der Domschatzkammer am Kleinen Domhof ein, wo das Kunstwerk nun auch von außen zu sehen ist. „Bei der Neugestaltung des Domschatzes hatten unsere Berater den Schildeschen Schrein ursprünglich nicht als festen Bestandteil der Dauerausstellung vorgesehen“, schildert Hans-Jürgen Amtage, Vorsitzender des Dombau-Vereins Minden (DVM). Der überkonfessionelle Förderverein betreibt seit 2017 die neue Schatzkammer. „Wir wurden in den vergangenen Jahren aber immer wieder besonders von Mindenerinnen und Mindenern darauf angesprochen, warum der kostbare Schrein nicht ausgestellt ist.“ In Abstimmung mit der Domgemeinde habe der DVM reagiert, eine neue Vitrine in Auftrag gegeben und nun den Schrein an einer repräsentativen Stelle aufgestellt.

Schrein kam im 19. Jahrhundert nach Minden

Nach der Säkularisation des Stifts Schildesche bei Bielefeld im Jahr 1825 war der Schrein nach Minden gekommen. Er wurde zwischen 1330 und 1340 aus Eichenholz gefertigt. Die Außenseiten zeigen Christus als Weltenrichter, Maria Magdalena, die Nebenpatrone des Stifts Schildesche Katharina und Cäcilia, Johannes den Täufer sowie drei Äbtissinnen. Auf dem Dach sind die „klugen und törichten Jungfrauen“ zu sehen. Das Gleichnis beschäftigt sich als Parabel mit der Vorbereitung auf das Reich Gottes und der Erlösung aller Menschen im christlichen Kontext. 

„Reliquienschreine wollen nicht nur Gebeine von Heiligen aufnehmen, sie wollen die Betrachter auch auf das Leben hin belehren“, schrieb Alt-Propst Paul Jakobi vor vielen Jahren in einem ausführlichen Beitrag über den Schrein. Die Menschen sollten nicht im Diesseits untergehen, sondern immer wieder an die kommende Welt, an die Ewigkeit erinnert werden. Darum würden ihnen häufig endzeitliche Gleichnisse – in Kunst übersetzt – vor allem an Kirchenportalen nahegebracht.

Ein solches Motiv ist die Erzählung Jesu von den klugen und törichten Jungfrauen, die am Mindener Dom zudem im sogenannten Jungfrauenportal in Stein gehauen ist. Aber eben auch im Domschatz wird dieses Thema am Reliquienschrein aus dem Stift Schildesche behandelt.

Das Stift war im Mittelalter dem heiligen Johannes dem Täufer geweiht. Die Gründerin des Stiftes hatte von ihrer Romreise eine Reliquie des Johannes mitgebracht. In einem Verzeichnis aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts werde diese Reliquie erwähnt, schreibt Jakobi. Nach der Aufhebung des Damenstiftes in der Säkularisation wurde der Schrein dem Mindener Dom geschenkt.

Kunstwerk aus Eichenholz

Der Schrein besteht aus Eichenholz, was eine Seltenheit ist, da Holz für einen solchen Zweck nicht beständig genug ist. Er wurde farbig gefasst und hat die Form eines Hauses mit Giebeldach. Auf einem dunkelblauen Untergrund sind alle Figuren mit goldenen Gewändern versehen. Rund um den Schrein zieht sich eine Galerie gotischer Spitzbögen, in denen Figuren stehen. In der unteren Reihe der Längsseite befinden sich die zwölf Apostel. Alle tragen das Buch in ihrer linken Hand, nur Johannes hält es in seiner rechten. Einige Apostel sind durch Attribute gekennzeichnet, so etwa Petrus, Paulus, Jakobus und Johannes der Täufer.

Auf der einen Giebelseite des Schreins befindet sich der Patron des Stiftes, Johannes der Täufer, am Fell und am Attribut des Lammes zu erkennen. Foto: DVM/Amtage
Auf der einen Giebelseite des Schreins befindet sich der Patron des Stiftes, Johannes der Täufer, am Fell und am Attribut des Lammes zu erkennen. Foto: DVM/Amtage

Im oberen Dreiecksfeld der einen Stirnseite ist Jesus als Weltenrichter abgebildet. Er sitzt in einer Mandorla auf dem Regenbogen und hat einladend seine Hände ausgebreitet. Zwei Engel knien an seiner Seite und halten Marterwerkzeuge in ihren Händen. Im unteren Feld stehen Maria von Magdala, die betende Gottesmutter und die heilige Katharina.

Auf der anderen Giebelseite befindet sich der Patron des Stiftes, Johannes der Täufer, am Fell und am Attribut des Lammes zu erkennen. Neben ihm stehen ein Engel mit Weihrauchfass und die Äbtissin. Unter ihnen sind drei Äbtissinnen abgebildet, die eine identisch gebildete Architektur tragen.

Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen

Mit mahnender Eindringlichkeit sind an den oberen Längsseiten des Schreins die klugen und törichten Jungfrauen dargestellt, die dem Betrachter zum beherrschenden Thema werden. Sie stehen auf einem besonders verzierten Grund und tragen Lampen in ihren Händen. Die klugen Jungfrauen, die stereotyp gestaltet sind, tragen Kronen auf ihren Häuptern und halten die Lampen nach oben. „Sie haben sich auf das Kommen des Herrn vorbereitet, indem sie nach tieferen Begründungen für ihr Leben gesucht und nach dem Woher und Wohin des Menschen gefragt haben“, schildert Paul Jakobi. „Ihre Antworten waren von der Rückkehr des himmlischen Bräutigams bestimmt; darum hatten sie genug Öl in ihren Krügen. In ihrer Wachsamkeit haben sie die Ewigkeit nie aus den Augen verloren; deshalb werden sie von einer triumphierenden Figur, der Ecclesia, in die Ewigkeit geführt.“

Die fünf törichten Jungfrauen sind individuell geschnitzt. Ihre Trauer über das verlorene Paradies, ihre Schrecken und Leiden sind eindrucksvoll dargestellt. Sie tragen die erloschenen Lampen, die kein Öl mehr haben, verzweifelt nach unten. Es lohne sich, jede Figur einzeln zu betrachten, um den Schmerz der Jungfrauen über die verlorene Chance zu erkennen, sagt Alt-Propst Jakobi.

Die törichten Jungfrauen werden von der Synagoge angeführt. Ihr Fahnenstab ist dreifach gebrochen. In ihrer Hand trägt sie den Bockskopf als Symbol des Teufels. „Nachdem sich das Verhältnis der Christen zu den Juden grundlegend geändert hat, nachdem wir sie heute als unsere älteren Geschwister im Glauben betrachten und uns daran erinnern, dass Jesus, Maria und die Apostel selbst Juden gewesen sind, tut es uns weh, in der mittelalterlichen Kunst die Synagoge so abwertend dargestellt zu finden“, so Jakobi.

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