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Jeder Mensch trägt eine unsichtbare Krone

Königinnen und Könige von Künstler und Diakon Ralf Knoblauch aus Bonn prägen die Ausstellung im Domschatz Minden, die noch bis zum 14. November bei freiem Eintritt besichtigt werden kann. Foto: DVM/Amtage
Königinnen und Könige von Künstler und Diakon Ralf Knoblauch aus Bonn prägen die Ausstellung im Domschatz Minden, die noch bis zum 14. November bei freiem Eintritt besichtigt werden kann. Foto: DVM/Amtage

Minden (DVM). Sie tragen Kronen, aber keine prächtigen Gewänder. Sie besitzen weder Paläste noch Reichtümer. Ihre Botschaft lautet: Jeder Mensch ist wertvoll. Im Domschatz Minden ist die Ausstellung „Könige“ mit Holzskulpturen des Bonner Künstlers und Diakons Ralf Knoblauch eröffnet worden. Organisiert hat sie das Katholische Bildungswerk Minden (kbw) mit Unterstützung des Dombau-Vereins Minden (DVM). Ein anschließender Vortrag des Theologen Professor Norbert Mette vertiefte das Thema Menschenwürde aus christlicher, philosophischer und gesellschaftlicher Perspektive.

Bei der Eröffnung erläuterte der Theologe und Bildungsreferent Christian Gnida, wie Knoblauchs Figuren vertraute Vorstellungen von Königtum hinterfragen. Ihre Kronen stehen nicht für Macht, Reichtum oder gesellschaftlichen Rang, sondern für die unverlierbare Würde jedes Menschen. Nicht Besitz, Leistung oder Ansehen machen einen Menschen wertvoll – sein Wert liegt in seinem Menschsein.

Eine besondere Aussagekraft besitzt dabei das Material: Knoblauch arbeitet überwiegend mit altem Eichenholz, dessen Risse, Maserungen und Brüche sichtbar bleiben. Sie erinnern an Verletzungen und Enttäuschungen, die menschliche Lebensgeschichten prägen. Ebenso wie die Figuren verlieren Menschen durch solche Erfahrungen nichts von ihrem Wert. Die Spuren machen vielmehr ihre Einzigartigkeit sichtbar.

Haltung lädt zum Nachdenken

Auch die Haltung der Königinnen und Könige lädt zum Nachdenken ein. Manche tragen ihre Krone auf dem Kopf, andere halten sie in den Händen oder haben sie neben sich abgelegt. Darin zeige sich, so Gnida, dass die Würde eines Menschen nicht immer auf den ersten Blick erkennbar sei. Jeder Mensch trage gewissermaßen eine unsichtbare Krone. Die weißen Hemden und Kleider verwiesen aus christlicher Sicht auf die Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Gnida ermunterte die Besucherinnen und Besucher, den Skulpturen näherzukommen und sich von der Begegnung zu einem neuen Blick auf ihre Mitmenschen anregen zu lassen.

Im benachbarten Haus am Dom sprach anschließend der in Minden geborene Prof. Norbert Mette unter dem Titel „Der Mensch – von Gott gekrönt mit Würde und Glanz“. Ausgangspunkt war die biblische Überzeugung, dass allen Menschen als Ebenbild Gottes eine besondere Würde zukommt. Sie gründet in ihrem Dasein als Geschöpfe Gottes und ist weder an Eigenschaften noch an Leistungen gebunden. Anhand von Texten aus dem Buch Genesis, Psalm 8 und dem Buch Hiob erläuterte Mette die damit verbundene Verantwortung für die Welt und das Ringen des Menschen um die Achtung seiner Würde.

Den Bogen zur Gegenwart schlug Mette mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 und Artikel 1 des Grundgesetzes. Die rechtliche Verankerung der Menschenwürde sei wesentlich aus den Erfahrungen der Gewalt und Barbarei des 20. Jahrhunderts erwachsen. Sie formuliere einen verbindlichen Anspruch auf Achtung und Schutz, der jedem Menschen allein aufgrund seines Menschseins zustehe.

Selbst Maßstäbe für unser Handeln geben

Unter Bezug auf Immanuel Kant erläuterte Norbert Mette zudem die Bedeutung menschlicher Autonomie für das neuzeitliche Verständnis der Menschenwürde. Der Mensch könne sich als vernunftbegabtes Wesen selbst Maßstäbe für sein Handeln geben und dürfe niemals bloß als Mittel für fremde Zwecke behandelt werden. Die Kirchen hätten diesen Autonomiegedanken zunächst zurückgewiesen, ihn im 20. Jahrhundert jedoch zunehmend aufgenommen. Für die katholische Kirche verwies Mette insbesondere auf das Zweite Vatikanische Konzil und dessen Aussagen zur Religionsfreiheit.

Abschließend stellte der Referent die Frage, welchen Beitrag der christliche Glaube heute zur Anerkennung und Wahrung der Menschenwürde leisten kann. Ihre theoretische Zustimmung sichere noch nicht ihre praktische Beachtung. Der Glaube könne eine Quelle der Orientierung und Ermutigung sein, um gegen Ausgrenzung, Unterdrückung und menschenunwürdige Lebensverhältnisse einzutreten. Als Bewährungsfelder nannte er unter anderem den Umgang mit benachteiligten Kindern, Menschen in ausbeuterischen Verhältnissen und politisch Unterdrückten. Auch der Umgang mit Sterbenden und Toten zeige, welchen Stellenwert eine Gesellschaft der Menschenwürde einräume.

Dieser Anspruch gelte ebenso für die Kirchen selbst, betonte Norbert Mette. Auch sie müssten sich daran messen lassen, ob sie die Würde und Selbstbestimmung des Menschen achten. Ausstellung und Vortrag verbanden so die künstlerische Begegnung mit einer grundlegenden gesellschaftlichen Frage: Wie gelingt es, die Würde jedes Menschen wahrzunehmen und im Alltag zu schützen?

Die Ausstellung „Könige“ ist noch bis Samstag, 14. November 2026, im Domschatz Minden, Kleiner Domhof 24, zu sehen. Der Eintritt ist frei.

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